Identitaet

Was heißt eigentlich „professionelle Beratung“?

Ein Klärungsversuch in sechs Schritten

 

Ich hab‘ es schon bemerkt: Die Leute von Profession
wissen oft das Beste nicht.“
Georg Chr. Lichtenberg

Mit Blick auf die Qualität von Beratungsleistung wird kaum ein Begriff so häufig verwendet wie „Professionalität“. Dabei dient dieser Begriff entweder als Kompliment oder – wenn diese Qualität abgesprochen wird  – als Kritik. In beiden Fällen verbergen sich hinter der Wortverwendung allgemeine Vorstellungen wie: das ist handwerklich saubere Arbeit, der Profi ist für seine Tätigkeit qualifiziert oder er verfügt über bestimmte Charaktereigenschaften wie Verlässlichkeit, Loyalität, emotionale Stabilität etc.. Das ist alles richtig. Aber ist es für eine Unterscheidung von professioneller und nicht-professioneller beruflicher Arbeit auch hinreichend? Meiner Meinung nach lohnt es sich, den Begriff „Professionalität“ einmal etwas schärfer auszuleuchten.

Zunächst  war es der Kirchenvater Augustinus, der – zurückgreifend auf die (lateinischen) Wortwurzeln „pro“ (für) und „esse“ (sein) – mit „professio“ dasjenige irdische Tun bezeichnete, zu dem man unmittelbar von Gott berufen wurde. Wiederum darauf aufbauend beschreiben die Benediktiner mit „profess“ bis heute den Abschluss des Noviziats, sprich: das bewährte Bekenntnis zur klösterlichen Gemeinschaft. In der Neuzeit wird der Begriff zunehmend auch für profane Tätigkeiten verwendet. So benutzt unter anderem die Berufssoziologie des letzten Jahrhunderts den Begriff der „Profession“ zur Beschreibung bestimmter Formen beruflicher Arbeit, die sie damit konsequent von anderen, nicht-professionellen Tätigkeiten unterscheiden will. Legen wir nun diese Kriterien als Maßstab an, können wir Beratung im strengeren Sinne nur dann als „professionell“ bezeichnen, wenn sie über den Umstand hinaus, dass sie eine berufliche Erwerbsarbeit ist, folgende sechs Kriterien erfüllt:    

  1. Expertentum: Professionelle Beratung gründet in hohem Maße auf einem spezifischen, wissenschaftlich fundierten Fach- und Methodenwissen. Der professionelle Berater agiert als Experte für eine spezifische Dienstleistung. Er kann jederzeit begründen, was und warum er was tut; er kennt die für eine bestimmte Aufgabenstellung erforderlichen Qualifikationen und lehnt Tätigkeiten ab, deren gewissenhafte Bearbeitung seine Kenntnisse und Fähigkeiten übersteigen. Professionelle Berater wissen um die Grenzen ihrer Kompetenz.
  2. Fallbezug: Professioneller Beratung geht immer ein konkretes Problem, ein situationsspezifisches Anliegen einer Person oder einer Organisation voraus; sie hat immer einen Fallbezug. In solchen überkomplexen Entwicklungs-, Entscheidungs- oder Veränderungssituationen  lässt sich Beratung niemals komplett standardisieren oder in feste Routinen überführen. Professionsspezifisches Wissen ist immer ein situationsbezogenes Reflexionswissen. Der professionelle Berater deutet das Problem seines Klienten – stellvertretend für diesen – auf der Basis einer fachlich fundierten Diagnose, die darauf abzielt, dem Klienten angemessene Lösungsoptionen aufzuzeigen. Auf diese Weise unterstützt professionelle Beratung den Klienten dabei, seine befristet verlorengegangene Handlungs- und Entscheidungsautonomie wiederzuerlangen.
  3. Verhaltenskodex: Professionelle Beratung gründet notwendig auf der Formulierung und Einhaltung bestimmter Verhaltens- und Vorgehensregeln. Professionalität in der Beratung ist neben der jeweiligen Fach- und Methodenkompetenz wesentlich gekennzeichnet durch einen spezifischen, vor allem in Stil- und Wertkategorien zu beschreibenden Berufshabitus. Erst ein verbindlicher Verhaltenskodex („code of conduct“) macht aus einer beruflichen Expertenschaft eine Profession.
  4. Persönliche Ausgestaltung: In einem durch Überkomplexität gekennzeichneten Handlungsfeld leistet ein professionell agierender Berater über sein Fachwissen, sein handwerkliches Können und über alle messbaren Ergebnisse hinaus immer auch etwas Nicht-Messbares, einen sogenannten „individual surplus“. Er bewegt sich somit immer im Spannungsfeld zwischen Regeleinhaltung  und freier persönlicher Ausgestaltung. Durch diese persönliche Ausgestaltung seiner Arbeit mit dem Klienten riskiert am Ende jeder Berater nicht nur sein Mandat, sondern unvermeidlich auch sich selbst – als ganze Person.
  5. Begrenzte Verantwortung: Die Verantwortung eines professionellen Beraters ist auf die eigene gewissenhafte Arbeit gemäß der Regeln der Kunst begrenzt; er lässt die Entscheidungs- und Handlungsautonomie des Klienten unangetastet – und damit auch dessen Eigenverantwortung (Prinzip der „Respektierung der Autonomie des Klienten“).  Autorität und Verpflichtung des professionellen Beraters beziehen sich lediglich auf sein Mandat, das heißt: auf das, wofür er beauftragt und damit sachlich zuständig ist. Professionelle Berater sind Berater – nicht die besseren Manager!
  6. Erfolgsunsicherheit: Professionelle Beratung besitzt eine hohe Erfolgsunsicherheit. Dabei stellt das mögliche Ausbleiben von Erfolgen nicht zwangsnotwendig die Qualifikation oder die Professionalität des Beraters in Frage. Um den Erfolg seines Beratungsmandats sorgt sich der Berater lediglich als Unternehmer – nicht als Professional. Als solcher hat er vor allem den Nachweis eines „Kunstfehlers“ zu fürchten. Zweifel an der Professionalität eines Beraters kämen berechtigterweise jedoch dann auf, wenn er seinen Klienten nicht über eine seriöse Erfolgserwartung, das heißt: auch über die prinzipielle Unsicherheit eines erfolgreichen Abschluss‘ seines Mandats, aufklären würde.

 

So lässt sich – auf eine knappe Formel gebracht – abschließend resümieren: Professionelle Beratung ist möglich, Beratung als solche aber keine Profession.

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