Identitaet

Coaching im Wandel

Irgendwie werde ich den Eindruck nicht los, dass das Coachen von Führungskräften früher anders war. Einfacher. Die Motive eines Managers, für einen bestimmten Zeitraum persönliche Beratung in Anspruch zu nehmen, ergaben sich zumeist aus einem ganz praktischen, sehr profanen Verbesserungsinteresse. Typische Anlässe waren Fragen zur Mitarbeiterführung, akute Konflikte und Probleme in der Zusammenarbeit, eine neue Position, Entscheidung für den „richtigen“ nächsten Karriereschritt oder einfach nur der Wunsch nach persönlicher Performance-Steigerung. Allesamt sehr handfeste, greifbare „Anliegen“, für die man mit einer gut geschulten lösungsorientierten Gesprächsführung, mit solidem Sachverstand und Wissen, einem breiten Methodenrepertoire und hinreichender Organisationserfahrung in aller Regel in fünf bis acht Sitzungen tragfähige Handlungs- resp. Lösungsoptionen finden konnte.

Diese Fragen, diese Anliegen gibt es zweifelsfrei noch immer – und auch das Klientel. Allesamt gute Leute. Kluge, hervorragend ausgebildete, ehrgeizige und fast unbegrenzt leistungswillige Männer und Frauen in verantwortlichen Führungs- und Managementfunktionen. Aber in den letzten Jahren ist bei vielen von ihnen etwas anderes hinzugekommen – etwas Unspezifischeres, Grundsätzlicheres: nämlich die Frage nach dem Sinn des Ganzen. Plötzlich erscheint diesen „Leistungsträgern im besten Alter“ der persönliche Aufwand für die nächsten 5% – egal, ob Wachstum oder Einsparung – nicht mehr lohnend, der nächste Change-Prozess als unüberwindbare Hürde. Boni und Beförderungen geben ihnen nicht mehr die Befriedigung von früher. Und ihren Karriereweg empfinden sie entweder als „Sackgasse“ oder als ein „Hamsterrad“,  in dem sie, ohne wirklich von der Stelle zu kommen, immer schneller rennen müssen.

Vor dem Hintergrund solcher Fragen und Zweifel gehen erfolgreiche, nüchterne Manager – allesamt weit entfernt von jeder Sozialromantik oder esoterischer Sinnsuche – im Coaching immer öfters auf die Suche nach einer neuen „sinnvollen Orientierung“ für sich selbst und ihre Arbeit, fürs Unternehmen und – nicht selten – auch für ihren gesamten Lebensentwurf. Im Gespräch mit dem Coach versuchen sie, auf diese  Fragen neue Antworten zu finden.

Als hilfreich erweist sich hier ein Verfahren, das ich „fiktive Retrospektion“ nenne. Es ist – einfach gesagt – ein in der Zukunft erzählter Blick zurück: Der Coachee findet dabei aus der Perspektive eines in der Zukunft liegenden Zeitpunktes auf seine aktuellen Fragen neue Antworten. Antworten, die er im Hier und Jetzt so (noch) nicht formulieren könnte. Er erfindet eine Geschichte von sich selbst, die aus dieser entfernten Perspektive zwar zurück liegt, aber von heute aus betrachtet ebenfalls in der Zukunft. Der Coachee schaut quasi aus der Zukunft zurück nach vorne. Durch die spezifischen Fragestellungen und Erzählkonstruktionen der „fiktiven Retrospektion“ löst er sich sehr schnell und leicht von vertrauten Selbst-Erklärungen und Rechtfertigungen sowie von vielen in der Vergangenheit „bewährten“ Lösungsmustern. Im Vortragen seiner selbstverfassten Rückblick-Texte schaut der Coachee nach vorne und beginnt – gemäß dem Prinzip der selbsterfüllenden Prophezeiung, seinen weiteren (beruflichen) Lebensweg selbst zu konstruieren. Wie formulierte es einmal der Skispringer Jens Weißflog so treffend? „Man springt nur so weit wie man im Kopf schon ist.“ Hier ähnelt das Coaching dem Skisprung – und der Coachee springt plötzlich weiter.

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