Identitaet

Anspruch, Sinn und Leidenschaft – drei Mittel gegen Burnout

Manchmal findet man die spannendsten Dinge, die besten Einfälle dann, wenn man nicht nach ihnen sucht. Eigentlich war ich an diesem Morgen bereits viel zu spät  – und mit meinen Gedanken schon beim ersten Coachingtermin, als eine Stimme aus dem Autoradio meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Wie ich im Nachhinein erfuhr las sie aus „Wandlungen einer Ehe“ von Sándor Márai. Zugestanden: Das ist keine typische Manager- oder Beraterliteratur. Aber in der an diesem Morgen vorgetragenen Passage reflektiert der Ich-Erzähler, ein ungarischer Unternehmer, in einer Art Selbstgespräch Fragen, die auch viele meiner Coachees sich stellen: Was ist eigentlich mein persönlicher Beitrag zum Unternehmenserfolg? Was treibt mich beim Arbeiten an, was verleiht mir Energie? Was laugt mich aus? Warum mache ich das alles, was ist der tiefere Sinn meines ganzen Strebens? Etc..

Ich höre, wie der Ich-Erzähler die Menschen in seinem Unternehmen beobachtet und dabei zu ergründen versucht, ob ihre Arbeit „ihr Leben tatsächlich ausfüllt“ oder ob sie sich beim Arbeiten selbst hereinlegen, indem sie etwas ohne Sinn und Idee tun. Es ist diese besondere Form des Selbstbetrugs, der oft auch bei meinen Coaching-Klienten ein  Gefühl von tiefer Erschöpfung, dauerhafter Müdigkeit, Unlust und zunehmender Antriebslosigkeit auslöst. Burnout ist nämlich kein Symptom harter Arbeit, großer Anstrengung, rastloser Kreativität (oder haben sie schon einmal gehört, dass Picasso über Burnout klagte?); diese Form der Erschöpfung erwächst schleichend aus der Erfahrung, dass einen „jemand oder etwas verbraucht … einem das Beste aussaugt, den einzigen Sinn des Lebens“.

Und ich höre gebannt weiter: zum Beispiel von den Bedingungen, unter denen auch die umtriebigsten Manager in unserer global vernetzten, rasend sich verändernden Welt vor Burnout gefeit sind. Der Autor verweist hier u. a. auf die Bedeutung des eigenen kreativen Wollens, auf die Balance von persönlichem Anspruch und Können, auf das menschliche Bedürfnis gebraucht zu werden und – nicht zuletzt – auf die Notwendigkeit, der eigenen Arbeit über den reinen Broterwerb hinaus einen Sinn geben zu können: „Es gab einige, die sich nicht einfach mit ihrer Arbeit begnügten, die sich bemühten, alles besser oder anders zu machen, und  dieses „anders“ war gar nicht immer die beste, richtigste Methode. Aber immerhin wollten die etwas. Wollten an der Ordnung der Dinge etwas verändern. Wollten ihrer Arbeit einen neuen Inhalt geben. Darum geht es offenbar. Den Menschen genügt es nicht, ihr tägliches Brot zu verdienen, ihre Familie zu ernähren, Arbeit zu haben und sie anständig zu verrichten. Nein, die Menschen wollen mehr. Sie wollen zum Ausdruck bringen, was in ihnen als Idee, als Absicht lebt. Die Menschen wollen nicht nur Brot und eine Anstellung, nicht nur Arbeit, sondern eine Berufung. Sonst hat ihr Leben keinen Sinn. Sie wollen das Gefühl haben, man brauche sie, auch auf andere Art als in der Fabrik oder in einem Büro, wo ihre Arbeitskraft zur allgemeinen Zufriedenheit verwendet wird. Sie wollen etwas tun, und zwar so, wie es andere nicht können.“*

Mir war dieser Radiobeitrag an diesem Morgen Gedankenanregung und Gewinn. Und eine schöne Überleitung zur ersten Coachingsitzung. Was braucht man mehr vor Arbeitsbeginn?

* Alle Zitate nachgelesen in: Sándor Márai, Wandlungen einer Ehe. Piper-Verlag München 2003

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